Nach dem strategischen Fehler: Zeit für eine Renaissance der Kernenergie

Nachdem die Kernenergie von der Europäischen Union (EU) über Jahrzehnte vernachlässigt, offiziell aber nie aufgegeben wurde, erlangt sie neue Bedeutung. Der Europaabgeordnete Christophe Grudler fordert, dass sie im europäischen Klima-, Industrie- und Finanzierungsrahmen gleichberechtigt mit anderen sauberen Technologien behandelt wird.

22. Sep. 2026
Christophe Grudler
Christophe Grudler ist Mitglied des Europäischen Parlaments (Mouvement démocrate/Renew Europe).
Quelle: Europäische Union, 2025, EP

Lange Zeit sagten viele das schrittweise Verschwinden der Kernenergie in Europa voraus. Die Realität hat sie eingeholt. Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben eine grundlegende Tatsache wieder in Erinnerung gerufen: Eine moderne Wirtschaft kann ohne reichlich verfügbare, steuerbare, CO₂-arme und im eigenen Land erzeugte Energie nicht souverän sein.

Energie: Europas Achillesferse

Über Jahrzehnte hinweg hat Europa seine Investitionen in die Kernenergie zurückgefahren und gleichzeitig seine Abhängigkeit von importiertem Gas, insbesondere aus Russland, verstärkt. Diese Abhängigkeit entwickelte sich zu einer ernsthaften wirtschaftlichen, industriellen und geopolitischen Verwundbarkeit. Die Energiepreise sind regelrecht explodiert, und die europäische Wettbewerbsfähigkeit hat dafür den Preis bezahlt.

Wie deutlich sich der energiepolitische Kurs inzwischen gewandelt hat, zeigte sich im vergangenen März in Paris: Ursula von der Leyen, die Präsidentin der Europäischen Kommission, räumte ein, dass die Europäische Union durch die Marginalisierung der Kernenergie einen «strategischen Fehler» begangen habe. Eine solche Feststellung wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

Europa hatte offiziell nie aufgehört, auf die Kernenergie zu setzen. Seit 1957 legt der Euratom-Vertrag ein klares Ziel fest: den Aufbau einer europäischen Nuklearindustrie und die Gewährleistung der Versorgungssicherheit des Kontinents. Doch dieser Vertrag wurde weitgehend ignoriert – zugunsten einer Energiepolitik, die sich im Wesentlichen auf erneuerbare Energien und sogar auf Gas konzentrierte.

Das strategische Erwachen Europas

Heute verändert sich die Lage rasch. In der Europäischen Union sind weiterhin 98 Reaktoren in zwölf Mitgliedstaaten in Betrieb. Belgien verlängert die Laufzeit seiner Kernkraftwerke, Polen baut seine ersten Kernkraftwerke, Italien und Dänemark nehmen die Debatte wieder auf, und ausserhalb der EU steht die Schweiz davor, das 2017 beschlossene Neubauverbot aufzuheben. Diese Entwicklung ist nicht ideologisch, sondern pragmatisch.

Die Kernenergie erzeugt bereits fast ein Viertel des europäischen Stroms. Sie stabilisiert das Netz, verringert die Importe fossiler Energieträger und ergänzt die erneuerbaren Energien. Mit der Elektrifizierung des Verkehrs und der Industrie sowie dem Aufschwung der künstlichen Intelligenz wird der Bedarf an CO₂-armem Strom erheblich steigen. Die Kernenergie wird eine der tragenden Säulen zur Deckung dieses zusätzlichen Bedarfs sein.

Seit fünf Jahren bewegt sich in Brüssel endlich etwas. Die EU-Taxonomie erkennt die Kernenergie inzwischen an. Die EU-Verordnung Net-Zero Industry Act [Anm. d. Red. EU-Verordnung, die darauf abzielt, die Wettbewerbsfähigkeit, Produktion und Verordnungssicherheit für saubere, klimafreundliche Technologien in Europa zu stärken] stuft sie als strategische Technologie ein, und die Reform des Strommarkts erleichtert den Abschluss langfristiger Verträge, die für die Finanzierung neuer Kernkraftwerke unerlässlich sind. Diese Fortschritte sind das Ergebnis umfangreicher politischer Bemühungen mehrerer EU-Mitgliedstaaten, der von Frankreich getragenen Europäischen Nuklearallianz sowie der von mir im Europäischen Parlament ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe Kernenergie (Nuclear Focus Group), der heute mehr als 120 Abgeordnete angehören.

Die europäische Kernenergie auf dem Prüfstand des Klimarahmens nach 2030

Nach Schätzungen der Europäischen Kommission sind bis 2050 Investitionen von nahezu EUR 240 Mrd. erforderlich, um die Kernenergiekapazität Europas auf 150 GW zu erhöhen. Dennoch wird die Kernenergie weiterhin anders behandelt als andere saubere Technologien. Die Europäische Investitionsbank und der Innovationsfonds des EU-Emissionshandelssystems sind dafür bezeichnende Beispiele: Obwohl auf dem Papier förderfähig, wurde seit fast 40 Jahren so gut wie kein neues Kernenergieprojekt finanziert.

Die Kernenergie fordert keine Privilegien. Sie verlangt lediglich, gleichberechtigt mit anderen sauberen Technologien behandelt zu werden. Die europäischen Finanzierungsinstrumente müssen endlich die gesamte Wertschöpfungskette unterstützen: Kernbrennstoffe, Urananreicherung, Wiederaufarbeitung, Fachkompetenzen, die Laufzeitverlängerung des bestehenden Kraftwerksparks sowie neue Reaktoren, einschliesslich kleiner, modularer Reaktoren (SMRs). Angesichts der massiven Investitionen der USA, Chinas und Russlands ist die Unterstützung unserer Industrie keine blosse Option mehr, sondern ein Gebot der Souveränität.

Der nächste Kampf wird sich um den klimapolitischen Rahmen der EU für die Zeit nach 2030 drehen. Will Europa bis 2050 Klimaneutralität erreichen, muss es einen auf technologiespezifischen Quoten aufbauenden Ansatz aufgeben und stattdessen eine ergebnisorientierte Politik verfolgen: Emissionen senken, aus fossilen Energieträgern aussteigen und massiv elektrifizieren. Die Kernenergie muss dabei, neben den erneuerbaren Energien, selbstverständlich ihren angemessenen Platz erhalten.

Die Vereinbarung von Belfort

Vor diesem Hintergrund ist die in Belfort unterzeichnete Partnerschaft zwischen dem Nuklearforum Schweiz und dem französischen Kernenergie-Industrieverband Gifen einzuordnen. Die Vereinbarung von Belfort verbindet künftig die französische und die schweizerische Kernenergiebranche bei Themen, die für die Stärke einer Industrie entscheidend sind: Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke, Brennstoffkreislauf, Rückbau, Nuklearmedizin, Innovation und die Entwicklung kleiner, modularer Reaktoren.

Diese Unterzeichnung reicht weit über die industrielle Zusammenarbeit hinaus: Sie ist ein politischer Akt und Ausdruck der Überzeugung, dass Europa seine energie- und klimapolitischen Herausforderungen nicht durch unkoordinierte Alleingänge bewältigen wird, sondern indem es Branche für Branche jene Allianzen aufbaut, die seine Souveränität erst ermöglichen. Die europäische Kernenergie wird ohne Frankreich und die Schweiz nicht wiedererstarken – und ebenso wenig ohne das wiedergewonnene Vertrauen zwischen Partnern, die heute wissen, welchen Weg sie gemeinsam gehen wollen.

Christophe Grudler

Christophe Grudler stammt aus Belfort und ist ausgebildeter Historiker sowie Journalist. Nach einer Laufbahn in der regionalen und nationalen Presse sowie im Verlagswesen zog er 2019 ins Europäische Parlament ein; 2024 wurde er wiedergewählt. Dort vertritt er die französische Zentrumspartei Mouvement démocrate (MoDem) und gehört der Fraktion Renew Europe an. Seine parlamentarische Arbeit konzentriert sich auf die europäische Industrie-, Forschungs- und Energiepolitik. Im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) ist er der Koordinator der Positionen und der parlamentarischen Arbeit der Renew-Europe-Fraktion. Daneben leitet er die Arbeitsgruppe Kernenergie (Nuclear Focus Group) im Europäischen Parlament. Für Renew Europe fungiert er als ständiger Berichterstatter für die Schweiz.

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Verfasser/in

Übersetzung durch B.G.

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